Wünsch dir was


Mit großer Begeisterung verfolge ich seit Januar diesen Jahres die Blogbeiträge meiner Herzensfreundin Alice Gabthuler. Sie hatte es sich mit Jahresbeginn zur Aufgabe gemacht, jeweils wöchentlich ein "Wort der Woche" zu finden und darüber zu bloggen. Und mit jedem Wort, das sie im Blog preisgibt, entstehen auch in mir immer wieder neue Bilder und Gedanken dazu. Wer es von Euch gerne einmal nachlesen möchte, muss nur auf die einzelnen Wörter klicken und kommt direkt zum Beitrag. Bisherige Wörter der Woche waren: Aufbruch - Schreibrunde - Lesungen - Ausmisten - Suchen - Analog - Unterwegs - Fundstück - Küche - Grundeinkommen.

Einige dieser Wörter berühren mich mehr, andere weniger. Vor allem die Wörter Aufbruch, Suchen, Küche und Ausmisten begleiten meine Gedanken seit einer Weile. Denn es sind die Wörter, die aktuell mein Leben bestimmen. Nach vielen Jahren mit fünf Kindern, die nach und nach erwachsen geworden und eigene Wege gegangen sind, habe ich mich entschlossen, mich zu verkleinern, das noch gemeinsame Haus zu verkaufen und eine Wohnung zu suchen. Kein leichtes und vor allem auch kein kleines Unterfangen. Und ein Aufbruch in eine für mich völlig neue Zeit. Über das notwendige Ausmisten habe ich schon einmal hier geschrieben. Und manchmal frage ich mich leicht verzweifelt: wie um Himmels Willen mistet man ein ganzes Haus aus, in dem man über 30 Jahre lang als Großfamilie gelebt hat? Schließlich soll ja alles in eine deutlich kleinere Wohnung passen. Und wie findet man die richtige Wohnung? Mit der konkreten Suche kann ich erst anfangen, wenn ich Käufer für das Haus gefunden habe, erst dann kann ich die Miete für eine Wohnung auch aufbringen. Und noch wichtiger: werde ich eine Wohnung finden, in der meine Katzen und vor allem mein Küchentisch Platz haben?  Die meisten Wohnungen, die ich mir bisher auf den einschlägigen Seiten angeschaut habe, haben viel zu kleine Küchen, manchmal möchte ich das, was sich Vermieter oder Architekten da haben einfallen lassen, gar nicht Küche nennen. Ihr seht, vor mir liegt wirklich eine spannende, aber auch anstrengende Zeit. 

Denn parallel zum Suchen, Ausmisten und Aufbrechen will ich ja auch noch Bücher schreiben, Lesungen und Workshops abhalten und im Buchladen arbeiten. Um für all das aufzutanken, bin ich für einige Tage in meinen Seelenort Weimar geflohen. Seelenort - wäre doch auch ein schönes Wort, oder Alice?
Hier kann ich bei langen Spaziergängen abschalten, meine Gedanken fließen lassen und förmlich dabei zusehen, wie meine Energie und auch meine Kreativität zu mir zurückkommen. Bestes Beispiel: Dieser Blogpost.
Und dann stand ich gestern plötzlich vor diesem Café. Ich bin bestimmt schon hundertmal daran vorbeigegangen, fand es schon immer hübsch, habe es aber noch nie besucht. 

"Café Wünsch dir was" - wie das wohl funktioniert? Man setzt sich an einen kleinen Tisch, bestellt einen Cappuccino - und irgendwo auf der Karte darf man einen Wunsch notieren?

Vielleicht einen kleinen.
Vielleicht einen großen.

Was würde ich mir wünschen? Und dann plötzlich der Gedanke: Sind das, was wir aufschreiben würden, wirklich Wünsche oder sind es eigentlich Träume? Was ist der Unterschied? Im Alltag verwenden wir diese Wörter fast gleich. Aber je länger ich darüber nachdenke, desto mehr Unterschiede fallen mir auf. Wünschen kann ich mir eine Wohnung mit einer großen Küche, ich kann mir nette Käufer für unser Haus wünschen, ich kann mir für mein aktuelles Buchprojekt einen tollen Verlag wünschen. Und ich merke: meine Wünsche haben viel mit meinem Alltag zu tun. Und sie richten sich auf etwas, das mein Leben ein wenig schöner oder leichter machen würde.

Meine Träume gehen ein Stück weiter. Meine Träume werden gefüttert von Sehnsüchten. Träume dürfen groß sein. Sie dürfen unvernünftig wirken, weit weg oder sogar ein bisschen verrückt. Und wenn ich ganz genau hinhöre, dann erzählen mir meine Träume, wonach ich mich tief im Innersten sehne. 

Und dann kann ich aus Träumen noch Wünsche wachsen lassen. Nämlich dann, wenn ich beginne, meinen Träumen näher zu kommen, wenn aus der Sehnsucht plötzlich der Gedanke kommt: vielleicht könnte ich es ja wirklich versuchen ... 

Aber manchmal bleibt ein Traum auch einfach nur ein Traum. Und dann reicht es doch schon, wenn er mir zeigt, was mich wirklich bewegt.

Während ich so vor diesem Café stand, habe ich mir auch überlegt, wo eigentlich all unsere unerfüllten Wünsche landen. Verschwinden sie? Oder werden sie in diesem Café in großen Gläsern oder hinter Vitrinen aufbewahrt? Und verwandeln sich dann dort, ganz leise, in einen Traum?

Vielleicht sind Wünsche und Träume gar keine Gegensätze. Vielleicht ist ein Traum nur ein Wunsch mit mehr Mut - und ein Wunsch ein Traum, der schon einen Schritt in Richtung Wirklichkeit gemacht hat. 

Und velleicht bleiben die unerfüllten Wünsche einfach irgendwo sitzen in einem stillen Winkel dieses Cafés in Weimar und warten geduldig darauf, dass wir eines Tages noch einmal vorbeikommen.

Ich werde dort jedenfalls heute einen Cappuccino bestellen und nachschauen.

 


Kommentare

  1. Liebe Jutta

    Ja, Sehnsucht ist ein sehr schönes Wort, zu dem es so viel zuschreiben gäbe. Genau wie die Wehmut, über die wir uns kürzlich ausgetauscht haben. Mein nächstes Wort der Woche wird ein ganz anderes sein, eines, das mir beim Lesen deines Blogposts eingefallen ist. Ich habe mich so sehr über deine Worte am Anfang des Post gefreut (Danke!) Und dann bin ich eingetaucht in deine Gedanken, bin ihnen gefolgt, habe gestaunt, sass da und hatte das Gefühl, in meinem Kopf gingen ganz viele Lichter an. Denn wie du hatte ich mir gar nie überlegt, wo der Unterschied zwischen Wünschen und Träumen liegt. Geahnt und intuitiv erfasst habe ich ihn bestimmt, aber ihn so klar beim Lesen zu erkennen, war eine kleine Offenbarung. (Auch dafür danke!)

    Mein Wort der Woche wird jedoch etwas anderem gehören, nämlich dem langsamen Posten. Dem Bloggen, wie es einst gedacht war, weshalb wir es einst geliebt haben und warum wir drangeblieben sind, auch als längst schon alle Welt nur noch den Bildern und später den Reels und Shorts hinterhergehechelt ist. Wir sind drangeblieben, haben uns aber auch verloren, weil uns Verlage, Fachleute und jede Menge Menschen, die sich für Fachleute halten, erklärt haben, dass man sich auf ein Thema konzentrieren muss. Nicht bunt bloggen, sondern Nischenbloggen. Ein Autorinnenblog musste es sein. Oder ein Strickblog. Oder ein Essensratgeberblog. Als ob wir Menschen uns einfach in eine einzige Schulade legen könnten. Wer aus dem Einthemenposten ausbrach, war weg vom Fenster, wurde vom Algorithmus verschmäht. Bei den wenigen Unbeirrbaren sind wir immer wieder gerne zu Besuch, zum Beispiel bei Hausfrau Hanna.

    Vor allem aber möchte ich in meinem nächsten Post auf das eingehen, was wir verlernt haben und wonach ich mich zunehmend sehne. Längere bis lange Texte, so wie deinen Post heute. Ich möchte eintauchen und verweilen. Wie schön, dass es diesen Post gibt. Und bitte, noch viel mehr davon. Bunt und wild wie eine Blumenwiese.

    Danke.
    Alice

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    1. Liebe Alice, es ist genau das, was du schreibst. Ich möchte zurück zu den Wurzeln. Zum unbekümmerten, völlig sinnfreien Bloggen, zum Erzählen in seiner ureigensten Form. Es gab eine Zeit in meinem Leben, da habe ich bei jedem Kaffee, bei jedem Spaziergang, bei fast jeder Tätigkeit schon überlegt, wie ich sie am besten fotografieren und in den Social Media gewinnbringend veröffentlichen könnte. Du glaubst gar nicht, wie befreiend es ist, Fotos wieder nur zum Spaß und für die eigene Erinnerung, vielleicht noch für den einen oder anderen Blogbeitrag zu machen. Heute habe ich einen langen Spaziergang mit einem wunderbaren Mittagessen sogar ganz ohne mein Smartphone unternommen. Anfangs fühlte ich mich fast nackt, dann war es unglaublich befreiend. Das ist der Weg, den ich weiter gehen möchte.
      Liebe Grüße von einem kleinen Küchentisch in Weimar
      Jutta

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